Landesklasse-West 1999/2000 - Rückblick
Einführung
An dieser Stelle soll ein Resümee zur vergangenen Saison in der Landesklasse West aus Sicht eines einzelnen Vereins erfolgen. Das mag als egoistisches, weil außerhalb des Bezirks 8 liegendes Thema erscheinen. Auf der anderen Seite waren mit Dotzheim II, Idstein, Taunusstein und Wiesbaden 85 II eine ganze Reihe weiterer Bezirksvereine vertreten, die evtl. ebenfalls ein Interesse am folgenden Rückblick haben könnten. Die Problematik der Landesklasse besteht in der alljährlichen Unklarkeit über die Anzahl der Absteiger. Da die Klasse aus drei Bezirken zusammengesetzt ist, muß man bei einem Absteiger aus den Verbandsligen von drei Absteigern ausgehen, was die Saison meistens bis zum letzten Spieltag spannend macht - eine nicht immer erfreuliche Situation. In diesem Jahr wurde die Sache durch den vorzeitigen Ausstieg von Bad Camberg etwas erleichtert; damit stand der erste Absteiger bereits fest. Von vornherein stark gefährdet war die Reserve von Niederbrechen (niedrigster DWZ-Durchschnitt der Klasse: 1785), was sich schließlich auch bestätigte. Favorit für die Meisterschaft war aus meiner Sicht Idstein (höchster DWZ-Schnitt: 1939), obwohl man insgesamt von einem recht homogenen Feld sprechen muß.
Saisonverlauf aus Erbacher Perspektive
Die erste Runde ergab keine Überraschungen, aber schon Wegweisung. Alle Sieger landeten auch am Ende in der oberen Tabellenhälfte! Die zweite Runde brachte 3 Punkteteilungen, u.a. auch zw. Erbach und dem späteren Meister Stadtallendorf, der an diesem Tag aber keine Titelambitionen zeigte. In der dritten Runde stand unser traditionelles Duell gegen Idstein auf dem Plan, das wie immer von Kampf geprägt war: Kein einziges Remis und dennoch 4:4. Die Enttäuschung war auf beiden Seiten groß und wieder ging die von Mannschaftsführer Wolfgang Studer alljährlich gegen Idstein ausgegebene Strategie "vorne klammern, hinten punkten" nicht auf (er selbst spielte eine starke Partie).
Spätestens nach der vierten Runde formierte sich ein von Dotzheim angeführtes Zweiklassenfeld. Nach der besten Saisonleistung Erbachs (gegen Herborn) kam es in Runde 5 zum ersten Spitzenduell, in dem Dotzheim das Erbacher Team überzeugend besiegte. Allerdings war die Begegnung durch einen unnötigen Regelkonflikt getrübt. In Zeitnot eines Erbacher Spielers begann ein Teamkollege mitzuschreiben, was auf Widerspruch von Dotzheimer Seite stieß, weil eine Partiemitschrift erst bei beiderseitiger Zeitnot zulässig sei. Der Streit wurde sogar handgreiflich, als ein Dotzheimer Zuschauer (!) dem Mitschreibenden das Partieformular entriß. Ganz logisch erscheint mir ein Mitschreibverbot in dieser Situation nicht zu sein, denn wie soll später kontrolliert werden, ob der andere Spieler ordnungsgemäß aufzeichnete? Dementsprechend erlebte ich kurz später auf der Hessenmeisterschaft die gegenteilige Praxis des dortigen Turnierleiters, der in einseitiger Zeitnot die Mitschrift durch einen Vereinskollegen ausdrücklich anordnete! Wie dem auch sei - der Sieg Dotzheims war völlig verdient, und bei Erbach lief in den weiteren Spielen gar nichts mehr. Zuerst gelang gegen Niederbrechen II nur ein 4-4, obwohl der Gast nur mit sieben Spielern antrat. Danach folgte eine echte "Klatsche" (2-6) gegen den Angstgegner WSV 1885 II. Nur ein Unentschieden in der letzten Runde gegen Taunusstein vertrieb die nunmehr eingetretene Abstiegsgefahr und sicherte einen letztlich erfreulichen 5. Platz.
Für Taunusstein verlief die Saison genau gegenteilig: schwach startend, lief die Mannschaft um Michael Bolduan zu einer riesen Form auf. In der sechsten Runde versetzte sie dem Titelapsiranten Dotzheim den ersten Stoß, wobei vor allem der Sieg von Klaus Künitz gegen Wladimir Becker am Spitzenbrett beeindruckt. Anschließend wurde Taunusstein noch besser, schlug Niederbrechen II mit 6:2 und WSV 1885 II gar mit 7:1, m.E. das erstaunlichste Ergebnis der Saison. Für Erbach war diese Aufholjagd durchaus von Vorteil, da Taunusstein in der letzten Runde auf einem gesicherten vierten Platz und folglich wenig kampflustig nach Erbach reiste.
Aber nochmals zurück zu SV Wiesbaden 1885 II: Wie ist eigentlich der schwache 7. Platz dieser Mannschaft zu erklären? Ganz sicher bin ich nicht, aber ein Grund dürfte der häufige Einsatz von Ersatzspielern sein. WSV 1885 II mußte 23mal auf Ersatz zurückgreifen (ca. 3 pro Spiel), obgleich z.B. mit Simona und Matthias Kleine auch sehr gute Leute darunter waren; zum Vergleich: Idstein 13mal Ersatz, Erbach und Dotzheim je 10mal, Stadtallendorf nur 7mal. Daß Großvereine im Spielbetrieb strukturell sowohl Vor- als auch Nachteile haben, war, nebenbei gesagt, auch Gegenstand von Diskussionen auf der diesjährigen Hauptversammlung des Bezirks 8.
Zurück zum Titelkampf. Nach der Niederlage in Taunusstein mußten die Dotzheimer in der achten Runde zur entscheidenden Begegnung nach Stadtallendorf reisen. Der Klub um HSV-Präsident Böhme konnte sich jedoch mit 5-3 durchsetzen und in der Schlußrunde den Titel mit einem souveränen 6-2 gegen Niederbrechen II einfahren. Am meisten überrascht von diesem Durchmarsch dürfte Stadtallendorf selbst gewesen sein, zumal die Mannschaft gerade erst aus dem Bezirk 3 aufgestiegen war. Kurz noch ein paar Worte zu Idstein (Platz 3), das sicherlich das ausgeglichenste Team war. Alle Ergebnisse blieben im Bereich von 3 bis 5 Punkten. Leider konnte Dirk Bender im wichtigen Aufeinandertreffen gegen Stadtallendorf nur eine schwache Truppe aufbieten, die dem Potential des Vereins nicht entsprach. Sehr unbefriedigend stellte sich die Situation im Abstiegskampf dar. Die oberen Klassen wurden z.T. erst nach der Landesklasse beendet, so daß jede Vorhersage Handleserei war. Bis zum Schluß war ein Abstieg ab Platz 6 (Herborn) denkbar, wodurch es das halbe Feld erwischt hätte. Wahrscheinlicher aber war, daß der Sensenmann ab Platz 7 (WSV 1885 II) zuschlagen würde.
Ausblick
Nach dem letzten Stand der Dinge darf wegen Problemen eines höherklassigen Vereins auch WSV 1885 II noch mit Rettung rechnen. Das würde für Erbach zwar den Verbleib eines Angstgegners in der Klasse bedeuten, für den Bezirk 8 jedoch, daß die Landesklasse mit demnächst sechs Vertretern fest in dessen Hand bleiben würde. In diesem Zusammenhang muß freilich einmal auf die beängstigende Ausdünnung des Bezirks hingewiesen werden. Nächste Saison werden voraussichtlich nur noch 16 Mannschaften in den beiden Bezirksligen starten - auf lange Sicht ein allzu dünner Unterbau.
Eric Simon, Vorsitzender Schachfreunde Erbach
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