Saisonrückblick Landesklasse West 2008/09 - Und ein Blick zurück auf 10 Jahre LK West
Schlusstabelle Landesklasse West 2008/09 1. ↑ TuS Dotzheim II 14:4 41 2. Sfr. Braunfels 13:5 40 3. Sfr. Erbach 12:6 43 4. Sfr. Wieseck 10:8 40 5. Biebertaler Sfr. 10:8 37,5 6. SV Wiesbaden 1885 II 8:10 36 7. Sfr. Battenberg 7:11 35 8. ↓ Stiller Zug Wiesbaden 7:11 30 9. ↓ SK Stadtallendorf 5:13 38,5 10.↓ SC Rochade Diez 4:14 29
Nach vielen Jahren Meister!
Wie in der Saison 2007/08 versuchten vier Mannschaften des RTS (Dotzheim II,
Erbach, Wiesbaden 1885 II, Stiller Zug Wiesbaden) ihr Glück in der Landeklasse West.
Und wie in den beiden Jahren zuvor konnte mit Dotzheim II ein RTS-Team den Titel
gewinnen. Eine „Erlösung“ kann man fast sagen, denn Dotzheim II gehört neben
Erbach seit Neugestaltung der Ligastruktur zur Saison 1999/2000 (Einführung der
Verbandsligen) ununterbrochen der Liga an und zählte immer zu den stärksten Teams.
Dies soll auch Anlass sein, die vergangenen 10 Spielzeiten ein wenig Revue passieren
zu lassen.
Die Meisterschaft Dotzheims war – wie die von Idstein in der letzten Saison – sicher
verdient, denn die Mannschaft führte die Tabelle ab dem zweiten Spieltag kontinuierlich
an. Erst in den letzten Runden schien dem Team die Puste auszugehen und am letzten
Spieltag hätte Braufels die Sache sogar noch zum Scheitern bringen können. Am
Tabellenende entwickelte sich wie meistens ein spannender Kampf gegen den Abstieg.
Dabei war erfreulicherweise keine Mannschaft völlig chancenlos. Wie in den drei
Spielzeiten zuvor mussten letztlich drei Teams die Liga verlassen, von der Struktur der
aus drei Bezirken zusammengesetzten Liga her also der „Normalfall“. Ein sehr schönes
Hilfsmittel, um die Wirrnisse bei Ermittlung der Anzahl der Absteiger zu entflechten,
präsentierte übrigens Hans Dieter Post mit seinem „Abstiegs-Simulator“. Hoffentlich
stellt er uns diesen Service (ungeachtet der hessischen Querelen) auch künftig im Netz
zur Verfügung.
Mannschaften und Saisonverlauf
Die Klasse wies insgesamt einen DWZ-Durchschnitt von 1854 auf, womit sie etwas
schwächer als in der vergangenen Saison (1863) war. Der spätere Meister Dotzheim II
gehörte mit DWZ 1887 eigentlich nicht zum engsten Kreis der Favoriten. Braunfels
(1932) und Battenberg (1934) waren da deutlich stärker besetzt. Aussagekräftiger als
der DWZ-Durchschnitt der gemeldeten Mannschaften wäre freilich eher die Stärke der
tatsächlich angetretenen Mannschaften und da zeigt sich gerade zwischen den DWZ-
Favoriten Braunfels und Battenberg ein deutlicher Unterschied. Mit den Edelreservisten
Andreas Diehl und Achim Schlitter konnte Braunfels den Durchschnitt der gemeldeten
Mannschaft auch tatsächlich fast erreichen (1917), während Battenberg wegen des
seltenen Einsatzes seiner beiden Spitzenbretter und aufgrund der geringeren
Spielstärke seiner Ersatzspieler nur auf eine tatsächliche Zahl von 1777 kam! Besser
als nach der durchschnittlichen DWZ zu erwarten war, schlugen sich jedenfalls Stiller
Zug Wiesbaden (nach Aufstellung DWZ 1722) und Diez (1700). Die Differenz zwischen
dem (nach Meldung) besten und schwächsten Team betrug demnach 234 DWZ. Das ist
eine deutlich größere Streuung als in der vorherigen Saison mit einer Differenz von nur
142 Punkten zwischen Idstein (1933) und Bad Marienberg (1791).
Für Dotzheim sah es lange Zeit nach einem ungefährdeten Start-Ziel-Lauf aus. Nach
der sechsten Runde führte die Mannschaft fast uneinholbar mit 12:0 Punkten vor
Braunfels mit 8:4 Punkten. In den drei Schlussrunden musste das Team jedoch gegen
die unmittelbaren Verfolger antreten. Gegen Erbach reichte es in der siebten Runde
gerade noch zu einem 4:4, wobei Dotzheim nur sieben Spielern aufbieten konnte.
Erbach verpasste beste Möglichkeiten, den Wettkampf knapp für sich zu entscheiden,
was in der Endabrechnung sogar die Meisterschaft für Erbach hätte bedeuten können.
In Runde 8 ging Dotzheim dann in Wieseck sang- und klanglos mit 2,5:5,5 unter, nach
Auskunft von Mannschaftsführer Stefan Zimmermann auch verdientermaßen. Dadurch
wurde es in der Schlussrunde richtig spannend, denn hier stand ausgerechnet der
Tabellenzweite Braunfels vor der Tür. Sowohl Braunfels als auch Dotzheim rüsteten
auf, indem sie je zwei starke Reservespieler ans Brett schickten. In einem wahren Kopf-
an-Kopf-Rennen konnte Dotzheim schließlich glücklich das nötige 4:4 einfahren. Ein
Sieg von Braunfels hätte den Saisonverlauf allerdings auch ziemlich auf den Kopf
gestellt. Über die gesamte Saison musste Dotzheim 14 Mal und damit recht häufig
Ersatzspieler einsetzen. Der Tabellenzweite Braunfels griff fast ebenso oft auf Ersatz
zurück (15x), in Runde 7 trat man sogar mit vier Ersatzspielern an. Bei Braunfels wurde
ein besseres Abschneiden bzw. die Meisterschaft in Runde 6 vergeben, als es
ausgerechnet gegen den späteren Letztplatzierten Diez zu einer dicken 2,5:5,5
Heimniederlage kam. Andererseits verhinderte Braunfels schon in der 1. Runde ein
besseres Abschneiden des Tabellendritten Erbach. Die Erbacher Mannschaft befand
sich seit Runde 4 stets auf dem 3. Platz und vermasselte die Saison in der 5. Runde mit
einem 3:5 gegen Angstgegner Wiesbaden 1885 II. Der erreichte 3. Platz täuscht ein
wenig darüber, wie der Saisonverlauf subjektiv empfunden wurde. Erst nach der 8.
Runde waren wir Erbacher uns sicher, mit dem Abstieg nichts mehr zu tun zu haben.
Das ist nicht übertrieben, wenn man bedenkt, dass man in der Liga nicht selten mit 8:10
Punkten oder sogar schon (2004/05) mit ausgeglichenem Punktekonto abgestiegen ist.
Zur konstanten Leistung Erbachs, das insgesamt die meisten Brettpunkte sammelte,
trug sicher der seltene (3x) Einsatz von Ersatzspielern bei. Erbach war übrigens die
einzige Mannschaft, die kein 4,5:3,5-Ergebnis erzielte (allerdings zweimal 4:4 spielte).
Insgesamt waren in der Saison 17 knappe Wettkampfergebnisse (4,5:3,5 oder 4:4) zu
verzeichnen, was exakt dem Wert der vorherigen Spielzeit entspricht. Neben Erbach
spielte auch der Tabellenvierte und Absteiger aus der Verbandsliga Wieseck sehr
konstant. Auffällig erschien mir lediglich der 50-prozentige Doktorenanteil der
Mannschaft in Runde 7 sowie die höchste Remisquote aller Mannschaften (28 von 72
Partien; knapp gefolgt von Biebertal mit 27; Stiller Zug war mit nur 14 Unentschieden
das andere Extrem). Den 5. Platz erzielte Biebertal, das erst nach einem missglückten
Saisonstart (1:5 Punkte) Fahrt aufnahm. Die Mannschaft musste häufig (18x) auf Ersatz
zurückgreifen und spielte recht wechselhaft. Sie konnte gegen jeden gewinnen
(Braunfels), aber auch gegen jeden verlieren (Stiller Zug). Einen ordentlichen 6. Rang
erreichte Wiesbaden 1885 II, das diesen rettenden Platz bereits ab der 6. Runde für
sich reserviert hatte. Der Einsatz von lediglich neun Ersatzspielern ist für Wiesbaden
1885 erfreulich wenig (Vorsaison: 22). Ebenfalls noch auf die sichere Seite konnte sich
Battenberg (7. Platz) retten, das freilich bis zur letzten Runde zittern musste. Gegen
Diez machte man dann jedoch alles klar. Dass Battenberg durch den häufigen Einsatz
von Ersatzspielern bzw. durch den fast ständigen Ausfall seiner Bretter 1 und 2
erheblich schwächer besetzt war als gemeldet, habe ich bereits erläutert. Auf den
Abstiegsrängen landeten Stiller Zug Wiesbaden (8.), Stadtallendorf (9.) und Diez (10.).
Dabei war das gute Abschneiden von Stiller Zug, das die Klasse fast gehalten hätte,
eine positive Überraschung. Es ist erstaunlich, was ein Zugpferd an Brett 1 (Peter Feist)
doch bewirken kann. Bei drei 4,5:3,5-Siegen wäre der Klassenerhalt allerdings sehr
glücklich gewesen. Eine grauenhafte Saison erlebte Stadtallendorf. Das Team um
Verbands-Ehrenpräsidenten Erich Böhme kam mit 5:3 Punkten eigentlich gut aus den
Startlöchern, erzielte ab Runde 5 jedoch keinen Punkt mehr! Die knappe Niederlage in
der Schlussrunde gegen Stiller Zug war nicht mehr entscheidend, aber sicherlich ein
trauriger Abschied aus der Liga. Die „Fahrstuhl-Mannschaft“ Stadtallendorf hat
allerdings auch nach den Abstiegen 2003/04 und 2006/07 schon bald wieder den Weg
zurück in die Landesklasse West gefunden. Wie Stiller Zug Wiesbaden hat sich auch
der Tabellenletzte Diez besser geschlagen als erwartet, insbesondere gegen Braunfels
gelang eine Überraschung. Letztlich genügte es aber nicht – trotz des beeindruckend
sparsamen Einsatzes von insgesamt nur einem Ersatzspieler (ebenso Dotzheim III in
der Saison 2001/02). Über die gesamte Spielzeit erfreulich war die niedrige Zahl von
sieben kampflosen Partien (2007/08: acht).
Die erfolgreichsten Spieler
In den vier Mannschaften des Bezirks Rhein-Taunus ragten folgende Spieler heraus:
Beim Meister Dotzheim überzeugten RTS-Vorsitzender Stefan Zimmermann an Brett 1
(5/7) und vor allem Frank Heim an Brett 3 (7,5/9, Leistung: DWZ 2197!). Bei Erbach
fielen insbesondere die Jugendlichen auf: Gerhard Jung an Brett 1 (6/9) und Janek
Elkmann an Brett 6 (6/8). Bei Wiesbaden 1885 II sind Raimund Höck (6/9) und Dieter
Minor (5/8) zu erwähnen. Beim Stillen Zug beeindruckte Peter Feist an Brett 1 (7/9;
Leistung: 2185), von dem diese Ausbeute angesichts seiner Spielstärke (DWZ 2158)
aber schon fast erwartet werden muss; außerdem spielte Stefan Kuckuck an Brett 3 gut
(4,5/7).
Rückblick Landesklasse West 1999/2000 bis 2008/09
Seit Neustrukturierung der Spielklassen zur Saison 1999/2000 durch Einführung der
Verbandsligen sind nunmehr zehn Spielzeiten vergangen. Nur Dotzheim II und Erbach
waren seitdem durchgängig in der Landesklasse West vertreten. Aber auch andere
Mannschaften waren häufig dabei: Idstein, Taunusstein und Braunfels je 8x, Wiesbaden
1885 II 7x, Dotzheim III 6x, Stadtallendorf 5x, Niederbrechen I, Bad Marienberg und
Herborn je 4x. Insgesamt beteiligten sich 24 Vereine an den Mannschaftskämpfen
dieser Spielklasse. Die Verteilung der Plätze auf die Bezirke ist ungleichmäßig: Von 99
Plätzen (eigentlich 100 in 10 Jahren, aber einmal spielte die Klasse mit 9
Mannschaften) konnte der Bezirk 8 sich 53 Plätze sichern, der Bezirk 3 immerhin 32
und der Bezirk 9 nur 14. Es mag sein, dass der Bezirk 3 den Rückstand gegenüber dem
an sich kleineren Bezirk 8 durch eine stärkere Beteiligung in den höheren Ligen wett
macht. Die Präsenz des Bezirks 8 in der Landesklasse geht im Übrigen seit einiger Zeit
zurück. In den meisten Spielzeiten stellte er sechs Mannschaften, aber 2007/08 und
2008/09 waren es nur noch vier, in der kommenden Saison sind es sogar nur noch drei.
Die drei Meisterschaften von RTS-Teams in Folge (Taunusstein, Idstein und Dotzheim
II) machen sich hier bemerkbar. Von den Aufsteigern der Landesklasse in die
Verbandsligen hielten/halten sich einige recht gut: Stadtallendorf nach der Meisterschaft
1999/2000 drei Jahre, Hungen/Lich II nach 2001/02 drei Jahre, Wieseck nach 2002/03
fünf Jahre, Biebertal nach 2003/04 drei Jahre, Niederbrechen unverändert seit 2005/06,
Idstein seit 2007/08. Abstiege aus den Verbandsligen in die Landesklasse West
verkrafteten einige Vereine allerdings häufig nur schwer und führten teilweise zur
direkten Talfahrt in die Bezirksligen: Niederbrechen 2000/01, Stadtallendorf 2003/04,
Hungen/Lich II 2005/06 und Taunusstein nach 2006/07 (direkter Rückzug aus der
Verbandsliga in die Bezirksoberliga). Umgekehrt gab es auffällig häufig Mannschaften,
denen der direkte Durchmarsch aus den Bezirken in die Verbandsklassen gelang:
Hungen/Lich II 2001/02, Wieseck 2002/03, Biebertal 2003/04 und Gießen II 2004/05.
Die hohe Anzahl von regulär drei Absteigern führt meist zum großen Zittern über die
ganze Saison hinweg – ein eher unerfreulicher Charakterzug der Liga. Besonders
schwierig einzuschätzen ist häufig, ob es wegen der höheren Spielklassen sogar noch
mehr Absteiger geben könnte (zur m.E. ungünstigen Ligastruktur vgl. HESSEN-
ROCHADE 8/2008, S. 28). In den letzten zehn Spielzeiten kam es allerdings nur einmal
(2004/05) dazu, dass tatsächlich vier Mannschaften absteigen mussten. Mit 9:9
Punkten (damals Wiesbaden 1885 II) ist ein Abstieg allerdings besonders hart. Ob die
Liga über die letzten 10 Jahre insgesamt schwächer oder stärker geworden ist, ist
schwer zu sagen. Nur im Spieljahr 2003/04 lag die durchschnittliche Spielstärke (nach
Meldung) über DWZ 1900, im Übrigen ist seit 1999/2000 eher ein Auf und Ab
festzustellen, wobei die vergangene Saison 2008/09 den niedrigsten Wert aufwies:
1867, 1873, 1886, 1864, 1901, 1893, 1861, 1880, 1863, 1854. Schon immer galt
allerdings, dass es Aufsteiger aus den Bezirken 8 und 9 besonders schwer haben, die
Klasse zu halten. Die Diskrepanz zur Spielstärke der etablierten Mannschaften ist
oftmals zu groß. So gab es mitunter heftige „Klatschen“: Limburg II (1999/00), BKA
Wiesbaden (2001/02) und Bad Schwalbach (2002/03) mussten gar 0:18 Punkte
hinnehmen, Stadtallendorf (2003/04), Makkabi Wiesbaden, Hungen/Lich II (beide
2005/06) und Bad Marienberg (2007/08) ging es mit jeweils 1:17 Punkten kaum besser.
Einige Mannschaften, insbesondere aus dem Bezirk 9, sind ausgesprochene
„Fahrstuhl-Mannschaften“, die zwischen ihrer Bezirksoberliga und der LK-West
pendeln: Bad Marienberg, Lindenholzhausen, Diez, Stadtallendorf und Dotzheim III.
Ausblick 2009/10
Als Absteiger aus der Verbandsliga Nord wird Limburg die Liga verstärken. Aus den
Bezirken 3, 8 und 9 werden mit Marburg II, Taunusstein und Lindenholzhausen
altbekannte Vertreter in die Landesklasse West zurückkehren (siehe oben). Dabei ist
vor allem Marburg II als stark einzuschätzen. Nach der Meisterschaft von Dotzheim II
wird der Bezirk 8 nur noch mit drei Teams (Erbach, Wiesbaden 1885 II, Taunusstein) in
der Landesklasse West vertreten sein – so wenige waren es in den letzten zehn Jahren
noch nie. (Der Rückblick in der vorliegenden Form verliert insofern mehr und mehr
seinen Sinn, da er stets die starke Beteiligung von RTS-Vereinen an dieser Liga zur
Grundlage hatte.)
Seit dem HSV-Kongress sind glücklicherweise Pläne vom Tisch, in den hessischen
Spielklassen Schiedsrichter einzusetzen, die nicht am Wettkampf teilnehmen dürfen.
Als Vertreter eines Vereins, welcher schon lange in der Landesklasse spielt, kann ich
über solche Pläne nur den Kopf schütteln. Dass die Turnierordnung bereits jetzt
(realitätsfern) die Wettkampfleitung durch einen lizenzierten (regionalen) Schiedsrichter
verlangt, ist ein ganz anderes Problem, das die bisherigen Turnierleiter durch eine
großzügige Handhabe entschärft haben. In jedem Fall sollten die Vereine sich dringend
bemühen, die Regelkunde ihrer Spieler und Mannschaftsführer zu erhöhen.
Dr. Eric Simon, 1. Vorsitzender Schachfreunde Erbach
- Chronik:
