Landesklasse West 2004/2005 - Rückblick

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Titelrennen ohne Spannung

Zum vierten Mal in Folge gelang dem Aufsteiger aus dem Bezirk 3 der direkte Titelgewinn in der LK West und damit der Durchmarsch in die Verbandsliga Nord. Die Meisterschaft von Gießen II stand während der Saison kaum in Zweifel, nennenswerter Widerstand war nicht erkennbar. Idstein konnte allenfalls bis zur 6. Runde mithalten und hatte auch in der direkten Begegnung keine Chance.

Während das Titelrennen demnach keine Spannung bot, ging es im Abstiegskampf umso interessanter zu. Anders als in der vorhergehenden Saison, in der nur zwei Mannschaften absteigen mussten, drohte diesmal eine größere Flurbereinigung, da in den übergeordneten Spielklassen die schwächsten Teams aus dem Westen (Bezirke 3, 8, 9) stammten und dorthin absteigen würden. Realistischerweise musste deshalb von vier Absteigern ausgegangen werden, zum Teil war sogar von fünf die Rede. Zwei der Absteiger standen allerdings recht früh fest: Dotzheim III und Bad Marienberg (beide Aufsteiger) blieben über die Saison gesehen chancenlos. Der Abgang einiger Spieler hatte Dotzheim insgesamt, vor allem aber Dotzheim III erheblich geschwächt.

Auch Bad Marienberg war der Klasse nicht gewachsen und musste wie in der Saison 01/02 den direkten Wiederabstieg hinnehmen. Dass der Pressewart des Bezirks 9 der Mannschaft einen Mittelplatz in der Liga zutraute (siehe Hessen-Rochade 9/2004, S. 21), erschien mir schon damals erstaunlich optimistisch. Vielleicht hätte das Ergebnis besser ausgesehen, wenn der an Brett 1 gemeldete Spieler auch tatsächlich einmal angetreten wäre. Mit dem Abstieg nichts zu tun hatte außer Gießen II lediglich noch Idstein. Das gute Abschneiden dieses Teams hat mich ehrlichgesagt überrascht. Offensichtlich lässt sich die Mannschaft von ihrem überragenden Zugpferd an Brett 1 mitreißen.

Abstiegskampf

Doch nun zum eigentlichen Abstiegskampf, an dem bis zur letzten Runde praktisch das gesamte Mittelfeld beteiligt war und über dessen Ausgang die Brettpunkte mitentschieden. Zufall und Glück mischten ordentlich mit. Zwischen den Plätzen 3 und 8 lagen schließlich nur 2 Punkte, übrigens ganz ähnlich wie in der letzten Spielzeit, in der die Plätze 7 und 8 allerdings nicht absteigen mussten. Die Situation war für die gefährdeten Mannschaften äußerst belastend, denn die Konsequenzen eines Wechsels aus der LK West in die Bezirksoberligen sind - jedenfalls im Bezirk 8 - erheblich. Ich schildere das Geschehen aus Sicht der beteiligten Mannschaften in der Reihenfolge ihrer Platzierungen:

Dotzheim II wurde letztlich Dritter und hätte die Klasse auch bei einer Niederlage in der Schlussrunde gehalten. Aber die Sache hätte auch schiefgehen können. Erst in den letzten drei Runden riss sich die Mannschaft zusammen, gewann knapp gegen Idstein sowie Taunusstein und konnte sogar dem Meister den einzigen Punkt abtrotzen. Dotzheim II hatte übrigens eine besonders große Stressbelastung, denn die Mannschaft erlebte die meisten Zitterpartien. Sie spielte 6 Mal entweder 4:4 oder 4,5:3,5 (Erbach 5 Mal, Taunusstein und Wiesbaden II je 4 Mal). Die Mannschaft litt unter dem häufigen Fehlen ihrer beiden Spitzenbretter, die zudem nicht gut abschnitten, wenn sie denn spielten. Sein Waterloo erlebte Dotzheim II in der 3. Runde zu Hause gegen Niederbrechen (2,5:5,5).

Vierter wurde Taunusstein, das nach der 7. Runde dem Abstiegsgespenst schon ins Auge sah. In der wichtigen Begegnung gegen Erbach in der 8. Runde konnte das Ruder mit einem klaren Sieg jedoch noch einmal herumgerissen werden. In der Schlussrunde war dann noch ein 4:4 gegen Dotzheim II notwendig, und auch das wurde erreicht. Ein halber Brettpunkt in dieser Begegnung weniger und die Mannschaft wäre nicht auf Platz 4, sondern auf dem (Abstiegs-) Platz 7 gelandet! Da beiden Teams ein 4:4 zum Klassenerhalt genügte, lag eigentlich eine dahingehende Absprache nahe. Doch unter den Augen des hessischen Turnierleiters war dies nicht gut möglich. Zudem war Dotzheim II von vornherein zum Kampf gewillt, wie es mir eine verlässliche Quelle berichtete. Insgesamt also eine aufreibende Saison für Mannschaftsführer Michael Bolduan und sein Team, das übrigens mit den ganz knappen Situationen (4:4 oder 4,5:3,5) am besten zurecht kam (zwei knappe Siege, zwei Unentschieden).

Platz 5 erzielte Niederbrechen, das freilich über die Saison hin meistens in der zweiten Tabellenhälfte zu finden war. Auch Niederbrechen hatte in der Schlussrunde ein echtes Endspiel, in dem es Braunfels aber überraschend deutlich schlug. Glücklicherweise musste Niederbrechen nicht aus dem Umstand Honig saugen, dass es in der 6. Runde von Dotzheim III mit einem kampflosen 8:0 beschenkt wurde. Die volle Anrechnung der Brettpunkte bei einem kampflosen Sieg ist sicher eine fragwürdige und zu überdenkende Regelung, zumal wenn sie über Auf- und Abstieg entscheidet. Vielleicht sollte man insoweit beim HSV eine Änderung der Turnierordnung anregen.

Den glücklichen 6. Platz erreichte Erbach. Nach einem guten Saisonstart warfen uns die knappen Niederlagen gegen Wiesbaden II und Idstein zurück. Zwar konnten wir anschließend endlich einmal Dotzheim II schlagen, doch versagten uns in der 8. Runde im wichtigen Spiel gegen Taunusstein die Nerven, wodurch wir für kurze Zeit praktisch als Absteiger feststanden. Dass wir in der Schlussrunde noch beim Tabellenletzten spielten, hatte kaum noch Bedeutung. (Immerhin hätten wir noch auf einen Sieg von Dotzheim II gegen Taunusstein hoffen können, der ja durchaus im Bereich des Möglichen lag.) Doch unverhofft half uns ein schrecklicher Fauxpas von Wiesbaden II aus der Patsche.

Diese Mannschaft hatte eigentlich schon den 3. Platz sicher, doch unterlief ihr in der 8. Runde ein Aufstellungsfehler, als ein Spieler eingesetzt wurde, der bereits am Tag zuvor in der Oberliga angetreten war. Das eigentlich 7:1 gewonnene Spiel gegen Dotzheim III wurde nunmehr mit 2:6 gewertet! Den Verantwortlichen war die Reichweite des Spielverbotes (ganzes Wochenende!) nicht bekannt. Die insgesamt gute Saisonleistung war damit verdorben, zudem die Brettpunktbilanz ruiniert. Nur ein illusorisches 8:0 in der Schlussrunde gegen Bad Marienberg hätte noch geholfen. Man darf gespannt sein, wie sich der Abstieg auf die Mannschaft von Wiesbaden II auswirken wird. Nebenbei: Wiesbaden II setzte mit Abstand am meisten Ersatzspieler ein (19 Mal), die allerdings eine sensationelle Ausbeute erzielten (17 aus 19 und ohne Niederlage!). Freilich waren dabei auch "Edelreservisten" am Werk (näher dazu unten), von denen zumindest einer eigentlich fest aufgestellt gehört hätte.

Die anderen Mannschaften der Klasse mussten durchschnittlich etwa 10 Mal auf Ersatz zurückgreifen. Als weiteren Absteiger traf es Braunfels auf Platz 8, das wie Dotzheim III die Landesklasse nach fünfjähriger Zugehörigkeit verlassen muss. Braunfels wurde auch im letzten Jahr Achter, hatte sich aber verstärkt, so dass ich es zu den Favoriten zählte. Nach der Durchschnitts-DWZ lag Braunfels sogar auf Platz 2! Nach zwei 3,5:4,5-Niederlagen gegen Erbach und Dotzheim II in den Runden 3 und 4 war jedoch klar, wohin die Reise wirklich ging. Drei Siege in Folge in den Runden 6-8 eröffneten der Mannschaft zwar noch die Chance, den Abstieg mit einem Sieg oder einem Unentschieden in der Schlussrunde gegen Niederbrechen zu verhindern. Doch die Krönung der Aufholjagd gelang nicht.

Die erfolgreichsten Spieler

Zu den Einzelspielern der sechs Mannschaften aus dem Bezirk 8 (kampflose Partien sind nicht berücksichtigt): Bei Idstein ragt das Ergebnis von Behrang Sadeghi an Brett 1 heraus (7 aus 8, Leistung: 2316); gut spielten ferner Gero Marten (6 aus 9), Dmitro Goloborodko (5,5 aus 9) und Horst Bender (3 aus 4). In Dotzheim II ging wieder einmal der Bezirksvorsitzende Stefan Zimmermann mit gutem Beispiel voran (4,5 aus 6), aber auch Thorsten Lehner (5,5 aus 8) ist zu loben. Aus dem Taunussteiner Team ragten der junge Roland Neb (5,5 aus 8 an Brett 2), Frank Heim (4,5 aus 7) sowie Edelreservist Bernd Reinhold (3 aus 4) heraus. Bei Erbach sind Uli Bischoff (5,5 aus 7 an Brett 2), Axel Herms (4 aus 6) und Stefan Friedel (3 aus 4) zu erwähnen. In der Zweiten von Wiesbaden tat sich wieder einmal Felix Kayser an Brett 1 hervor (5,5 aus 8), besonders aber Ersatzmann Dimitri Alexandrowski mit 8 aus 8 (Leistung: 2484)! Auch Gottfried Zwirner und Andreas Kuhn holten als Ersatzspieler 100 Prozent (je 3 aus 3). Offenbar haben die Wiesbadener Ersatzleute das Kapitel "Wie man Karnickel fängt" in Simon Webbs Schachpsychologiebuch "Schach für Tiger" sorgfältig studiert. (An die Gegner: Bitte nicht zu wörtlich nehmen!) Bei Dotzheim III schließlich spielten Frank Hermes, Jürgen Meier und Carl Kannenberg recht gut.

Ausblick

Der Bezirk 8 wird in der LK West künftig nur noch 5 statt 6 Mannschaften stellen. Zum ersten Mal seit fünf Jahren tritt nur eine Dotzheimer Mannschaft an. Aus der Verbandsliga Nord kehren mit Marburg II, das einen Stichkampf verlor, und Hungen-Lich II, das so schnell fällt, wie es zuvor stieg, zwei alte Bekannte zurück. Als Aufsteiger aus den Bezirken gesellen sich Stadtallendorf (Bezirk 3), Makkabi Wiesbaden (Bezirk 8) und Lindenholzhausen (Bezirk 9) hinzu. Stadtallendorf hat sich von seinem freien Fall aus der Verbandsliga Nord in den Bezirk 3 offenbar gut erholt. Makkabi und Lindenholzhausen werden sich - das alte Lied! - verstärken müssen, um die Klasse zu halten (siehe die entsprechende Anzeige von Lindenholzhausen in der Hessen-Rochade 6/2005, S. 27). Im Bezirk 8 jedenfalls ist, so wie man hört, das Spielerkarussell schon ordentlich am rotieren. Für die kommende Saison ist sowohl ein interessanter Titel- als auch ein spannender Abstiegskampf zu erwarten. Da in der Hessenliga ausnahmsweise mit 11 Mannschaften gespielt wird - ein bayrischer Verein tritt dem HSV bei - muss diese Klasse am Saisonende bereinigt werden, was auf die unteren Klassen durchschlagen wird. Darüber hinaus kann man nicht dauerhaft davon ausgehen, dass sich alle hessischen Vertreter in der Oberliga Ost werden halten können. Über die Anzahl der Absteiger wird also die übliche Ungewissheit herrschen.

Dr. Eric Simon, Vorsitzender Sfr. Erbach