Landesklasse-West 2002/2003 - Rückblick
Einführung
Wie in der Spielzeit 2001/02 war der Bezirk 8 mit sechs Mannschaften in der Landesklasse vertreten. Daran wird sich auch in der kommenden Runde nichts ändern, da es von den sechs Mannschaften keine schaffte, sich als Meister in die Verbandsliga zu verabschieden, und auch nur eine in den Bezirk zurückkehren muss. Anders als in der vorhergehenden Saison, in der Hungen/Lich II von vornherein als Titelanwärter ausgemacht war, versprach die recht homogene Zusammensetzung des Feldes diesmal einen spannenden Kampf um die Meisterschaft. Dass es dann mit dem weitgehend ungehinderten Durchmarsch des Aufsteigers aus Wieseck doch anders kam, war überraschend. Immerhin hatte ich in meinem letzten Rückblick (Rochade 8/2002) prognostiziert, dass Wieseck "gut mitmischen" dürfte. Die Mannschaften des Bezirks 8, die ich zum Kreis der Meisterschaftsanwärter gezählt hatte (Dotzheim II und Taunusstein), wurden Wieseck nicht sehr gefährlich. Dotzheim II startete zwar gut (8:0 Punkte), kam nach der vorentscheidenden Niederlage gegen Wieseck jedoch nicht mehr auf die Beine. Uns Erbacher erwartete ich eigentlich nicht so weit vorne und natürlich war die Vizemeisterschaft ein großer Erfolg für uns. Als einzige Mannschaft konnten wir Wieseck schlagen und damit die "Ehre" des Bezirks ein wenig hochhalten. Bei Wiesbaden 1885 II als Absteiger aus der Verbandsliga und nominell zweitstärkste Mannschaft hing alles davon ab, wie stark das tatsächlich antretende Team sein würde. Insgesamt 18 Mal musste 1885 II auf Ersatzleute zurückgreifen (zwei pro Begegnung) und spielte dadurch mit einer durchschnittlichen DWZ von 1874 statt der gemeldeten 1921. Dass es letztlich nur zu Platz 7 reichte, ist deshalb nicht ungewöhnlich. Auch das relativ schwache Abschneiden von Taunusstein (Platz 5) findet hier eine Erklärung: Als nominell stärkstes Team (DWZ 1923) angetreten, führte der Einsatz von 16 Ersatzleuten zu einem realen Niveau von nur DWZ 1854. Hingegen mussten Wieseck und Erbach nur selten auf Ersatz zurückgreifen (5 / 7 Mal) und dieser war nicht einmal unbedingt eine Schwächung.
DWZ als Indikator
Die durchschnittliche tatsächliche DWZ-Zahl ist folglich kein schlechter Indikator für das spätere Abschneiden der Mannschaften. Das zeigte sich auch bei den Abstiegsplätzen. Die Vorhersage fiel hier nicht schwer. Bad Schwalbach war schlicht zu schwach für die Klasse und erlitt mit 0:18 Punkten ebenso Schiffbruch wie das BKA/Wiesbaden in der vorhergehenden Saison; dazu nur ca. zwei Brettpunkte pro Spiel und 0/8 am Spitzenbrett - hoffentlich keine allzu deprimierende Erfahrung. Ich gehe allerdings nicht davon aus, dass Bad Schwalbach sich hinsichtlich seiner Aussichten Illusionen hingegeben hatte. Beim Aufsteiger aus dem Bezirk 9 (Diez) sah es nicht ganz so schlecht aus, aber auch hier war am Abstieg nicht zu zweifeln. Für Diez reichte es nur zu einem Sieg gegen Bad Schwalbach in der Schlussrunde; immerhin wurden aber Dotzheim II und Wieseck in arge Bedrängnis gebracht (jeweils 3,5-4,5 in Unterzahl!). Bei Diez ist noch auf die Merkwürdigkeit hinzuweisen, dass dieses Team keinen einzigen Reservisten einsetzte und statt dessen lieber vier kampflose Partieverluste in Kauf nahm. Der Verein wird doch nicht nur aus acht Spielern bestehen? Spannung war nur bezüglich des dritten Abstiegsplatzes - die Zahl der Absteiger war erstmals auf drei begrenzt - zu erwarten. Dass es dabei letztlich Herborn traf, zeichnete sich im späteren Saisonverlauf ab: Zu viele Ersatzleute (9 Personen, 19 Einsätze) mussten ran, und diese waren in dieser Klasse einfach überfordert (DWZ-Durchschnitt: 1544). Kurioserweise haben letztlich alle in die Landesklasse West aufgestiegenen Mannschaften diese auch wieder verlassen, eine (Wieseck) nach "oben", zwei (Diez, Bad Schwalbach) zurück nach "unten" in die Bezirke 8 und 9.
Saisonverlauf
Schon am 1. Spieltag gab es - neben dem Wahlsieg des Kanzlers - kleinere Überraschungen. Bereits erwähnt wurde der nur knappe Sieg von Wieseck gegen das lediglich zu siebt antretende Team aus Diez. Wenn man die Saison rückblickend betrachtet eine enorm wichtige Begegnung! Recht deutlich gewannen wir Erbacher gegen das favorisierte Taunusstein (3-5), bei dem sich der Einsatz von zwei Ersatzspielern sehr nachteilig auswirkte. Der für seine Direktheit ebenso geschätzte wie gefürchtete Schachfreund Wolfgang Studer hatte der Taunussteiner Mannschaft allerdings bereits vor der Saison angekündigt, nach der 1. Runde ihr Saisonziel revidieren zu müssen. Die klaren Siege von 1885 II und Dotzheim II überraschten kaum. Bei den Dotzheimer Mannschaften fiel die gegenüber den Vorjahren veränderte Aufstellung auf: Sollte die "Zweite" auf das Ziel Meisterschaft hin aufgestellt werden, dann hätte natürlich Joachim Doehring dort und nicht in der "Dritten" spielen müssen. Vielleicht sollte aber auch die "Dritte" eine realistische Chance auf den Verbleib in der Landesklasse erhalten. Mit dem Wechsel von Hans-Ulrich Hausmann und Gerhard Hartmann in die Zweite hat die Dritte m.E. an Homogenität und irgendwie auch an "Seele" verloren. Gut abgeschnitten hat sie mit letztlich 9:9 Punkten gleichwohl. Die internen Hintergründe für die Dotzheimer Strategie sind mir nicht bekannt. Aus der 2. Runde gibt es nichts Besonderes zu berichten: Vier 5-3-Ergebnisse und ein 7-1 sprechen eine deutliche Sprache. Braunfels erklärte sich freundlicherweise gegenüber Erbach zu einer Spielverlegung bereit, wurde dafür punktemäßig jedoch nicht belohnt. Bei 1885 II waren die beiden Ersatzleute nicht stark genug, um den Sieg von Wieseck zu gefährden. Auch in der 3. Runde musste 1885 II auf mehrere Reservisten zurückgreifen, die alle verloren und einen hohen Taunussteiner Sieg begünstigten. Wir Erbacher schrammten in Herborn gegen eine äußerst schwach besetzte Mannschaft knapp an einer Blamage vorbei. Wieseck schlug Dotzheim III mit 5-3, hatte nach Wiesecker Schilderung dabei jedoch viel Glück. Zwei der bis dahin ungeschlagenen Mannschaften trafen in der 4. Runde aufeinander. Dotzheim II hielt sich an Erbach, das wie so oft seine schwächste Saisonleistung gegen ein Dotzheimer Team brachte, mit 5-3 schadlos und schien in Richtung Meisterschaft zu marschieren. Ich will nicht mit dem Schicksal hadern, aber dass der noch nicht in der Dotzheimer Ersten festgespielte Peter Wafzig noch gegen uns antreten konnte, gegen Wieseck in der Folgerunde jedoch nicht mehr, ist schon ärgerlich und von einem "höheren" Standpunkt her ungerecht. Andererseits kann man dem Verein natürlich nicht vorwerfen, das Maximum aus seinen Teams herauszuholen, zumal er mit zwei Mannschaften in einer Klasse ohnehin erhebliche Nachteile hinzunehmen hat.
Eigentlich müsste man aber zur Vermeidung von Wettkampfverzerrungen eine Regel einführen, nach der Ersatzspieler, die eine höhere DWZ als Brett 1+2 oder als der Durchschnitt ihrer Mannschaft aufweisen, nicht zum Einsatz kommen dürfen. In den unteren Klassen sind die Fälle des "Edelreservisten-Unwesens" noch frappierender. Leider wäre eine solche, m.E. gerechte Regelung aber sehr unpraktikabel und mit zu hohem Aufwand verbunden. Übrigens wäre unter Umständen auch unser eigener Ersatzspieler (Guntram Althoff) von einer solchen Regelung betroffen gewesen. Aus der 4. Runde zu erwähnen ist außerdem das Unentschieden zwischen Dotzheim III und Taunusstein, das sich nach der Niederlage aus der 1. Runde einzuspielen schien und an die Spitze heranrückte. Als ich das Dotzheimer Lokal verließ, lief noch die entscheidende Partie zwischen Uwe Menning und Stefan Donecker, in der Menning wohl auf Sieg stand und diesen auch schon selbstbewusst ankündigte. Um so überraschter war ich am nächsten Tag über das 4-4, das der Taunussteiner Mannschaftsführer Michael Bolduan sicher nicht in guter Erinnerung behalten wird. In der 5. Runde kam es hinsichtlich der Meisterschaft bereits zur vorentscheidenden Begegnung zwischen Dotzheim II und Wieseck, die beide noch eine weiße Weste trugen. Wieseck gewann eindrucksvoll deutlich mit 5,5-2,5. Dotzheim trat allerdings ersatzgeschwächt an: An Brett 1 fehlte Dr. Frank Krahe, und Peter Wafzig stand nicht mehr zur Verfügung (vgl. Runde 4). Letzterer wurde allerdings durch Edwin Kommenda (Dotzheim IV), der als einziger einen vollen Punkt holen konnte, würdig vertreten. Offenbar war das Dotzheimer Stammteam an diesem Tag ziemlich außer Form. Taunusstein - nach dem 4-4 der Vorrunde womöglich noch leicht verkatert - konnte gegen Bad Schwalbach nur mit Müh und Not ein weiteres Unentschieden und damit den ersten Mannschaftspunkt Schwalbachs verhindern. Ab Runde 6 begannen wir Erbacher, auf Außenseiterchancen im Titelkampf zu hoffen, denn nach einer desolaten Bilanz in den vergangenen Jahren (2-6, 2-6, 3-5) konnten wir endlich einmal gegen unseren Angstgegner 1885 II gewinnen.
Zudem musste Wieseck in der letzten Runde noch nach Erbach. Angesichts des Brettpunktverhältnisses mussten wir allerdings auf die Schützenhilfe anderer hoffen, die uns Taunusstein mit einem 3,5-4,5 gegen Wieseck leider nicht zu leisten vermochte. Bei Dotzheim II zeigten sich nach der Niederlage gegen Wieseck erste Ermüdungserscheinungen, denn das in Unterzahl antretende Diez konnte nur mit 4,5-3,5 geschlagen werden. Eine Vorentscheidung im Abstiegskampf brachte der klare 5-3-Sieg von Dotzheim III gegen Herborn. Nachdenklich stimmt, dass Dotzheim III in diesem wichtigen Spiel ebenfalls nur sieben Spieler aufbringen konnte, aber für dieses Mal wurde aus der Not eine Tugend gemacht. Kampfstark war die Mannschaft allerdings seit eh und je. Auch in der 7. Runde blieb die für Erbach notwendige Unterstützung von dritter Seite aus. Von Braunfels hatten wir einiges erwartet, aber statt dessen begann Wieseck, durch ein 5,5-2,5 sein Brettpunktekonto weiter aufzubessern und einsam davonzuziehen. Wir hingegen mussten mit einem glücklichen 4,5-3,5 gegen Dotzheim III froh sein, überhaupt gewonnen zu haben. Während des Wettkampfes hatte ich die Saison eigentlich schon abgeschrieben. Dotzheim II verabschiedete sich mit einem 4-4 gegen Taunusstein endgültig aus dem Titelkampf, und in der 8. Runde brach die Mannschaft dann gegen 1885 II definitiv ein (2,5-5,5), obwohl sie in guter Besetzung antrat. Freilich zeigte sich in dem Wettkampf auch, dass 1885 II insgesamt gesehen unter Wert spielte. Für 1885 II war dieser Sieg unbedingt nötig, denn andernfalls hätte es in der Endabrechnung nicht zum Klassenerhalt gereicht! Dotzheim III schien mit einem deutlichen 5,5-2,5 gegen Diez ebenfalls dem Abstieg entronnen zu sein. Wir selbst hofften, im Titelkampf Boden gutzumachen, da wir gegen Bad Schwalbach spielten und Wieseck gegen Herborn, das noch Chancen im Abstiegskampf hatte. Aber erneut konnten nicht wir aufholen, sondern Wieseck mit einem hohen Sieg seinen Vorsprung weiter ausbauen.
Für die Abschlussrunde blieben Erbach somit nur noch theoretische Chancen auf die Meisterschaft. Angesichts des Brettpunktverhältnisses hätten wir Wieseck mit 6-2 schlagen müssen, um einen Stichkampf zu erreichen! Reichlich illusorisch, aber an einem glücklichen Tag auch nicht völlig unmöglich. Immerhin konnten wir die Begegnung gewinnen und Wieseck die einzige Saisonniederlage zufügen, wenngleich mit 4,5-3,5 nicht in der erforderlichen Höhe. Der Sieg war m.E. verdient und hätte durchaus klarer ausfallen können, aber über die Saison gesehen ist Wieseck sicher der verdiente Meister. Im Abstiegskampf war eigentlich auch alles klar: Dotzheim III hatte zwei Mannschafts- und 1,5 Brettpunkte Abstand zu Herborn, das seinerseits gegen das starke Taunussteiner Team nicht ernsthaft mit einem Sieg rechnen konnte. Es geschah gleichwohl! Man kann sich eben auf nichts verlassen. Und wem meine dauernde Reservistenschelte auf die Nerven geht: Die (vier) Taunussteiner Ersatzspieler waren diesmal nicht schuld, sondern holten drei Punkte! Hätte nun Dotzheim III gegen 1885 II mit 3-5 verloren, was durchaus realistisch war, wäre kurioserweise die gleiche Situation eingetreten wie in der letzten Saison, als schon einmal Dotzheim III und Herborn punkt- und brettpunktgleich abschnitten. Die Dotzheimer Mannschaft konnte jedoch 4,5-3,5 gewinnen und damit selbst alles klarmachen. Dass insofern eine Wiesbadener Absprache zu Lasten Herborns stattfand, ist angesichts der Einzelergebnisse höchst unwahrscheinlich.
Die erfolgreichsten Spieler
Bei den Mannschaften des Bezirks ragten folgende Spieler heraus: Bei Erbach (Platz 2) ist die phantastische Leistung von Wolfgang Studer an Brett 2 zu erwähnen (7,5 aus 9), nach der Leistungszahl das zweitbeste Ergebnis der Klasse. Gut spielten Hendrik Aßmann (5,5/8), Axel Herms (5,5/7) und Stefan Friedel (4,5/6). Bei Dotzheim II (Platz 3) sind zu nennen: Dr. Frank Krahe (5,5/7), Stefan Zimmermann, Jahanshan Rashidian (je 5,5/8) und Evsey Kasakevitsch (4/6). Bei Taunusstein (Platz 5) spielte Oleg Stephan stark (7/9), gut aber auch Frank Mayer an Brett 1 (5,5/9) und Volker Mühlschlegel (4,5/7). Dotzheim III (Platz 6) fand seine Besten in Stefan Donecker (6,5/9) und Alfred Emich (4/5), während bei Wiesbaden 1885 II (Platz 7) vor allem Felix Kayser an Brett 1 (3,5/5) und Klaus Ruf (3,5/4) positiv auffielen. Bad Schwalbach (Platz 10) geriet erwartungsgemäß an den vorderen Brettern ziemlich unter die Räder. Vom tapferen Stammteam erreichte nur Bernd Siegismund fünfzig Prozent. Erwähnenswert sind noch - um nicht nur zu loben! - die Formschwankungen einiger Spieler gegenüber der vorhergehenden Saison: Die guten Leistungen aus der Spielzeit 2001/02 wurden ins Gegenteil verkehrt von Anton Besser (Taunusstein), Eric Simon (Erbach), Hermann Gremm und Gerhard Hartmann (beide Dotzheim III), von Saulus zu Paulus wandelten sich hingegen z.B. Alfred Emich, Axel Herms und Oleg Stephan (vgl. die Ergebnisse oben).
Ausblick
Nach einigen Jahren Verbandsliga kehrt Stadtallendorf in die Landesklasse West zurück. Aus dem Bezirk 8 stößt Idstein hinzu, das souverän den Wiederaufstieg schaffte. Mit Niederbrechen aus dem Bezirk 9 wird die Klasse um einen weiteren alten Bekannten ergänzt. Meister im Bezirk 3 wurde Biebertal, das eventuell wie Wieseck als Aufsteiger auch in der Landesklasse um den Titel kämpfen wird. Die Vertreter des Bezirks 8 müssen energischen Widerstand leisten, denn sonst wird der Durchmarsch der Aufsteiger aus dem Bezirk 3 bald zur Regel, nachdem das bereits Hungen/Lich (2001/02) und jetzt Wieseck gelungen ist. Insgesamt wird die Klasse jedoch sehr ausgeglichen sein, vor allem weil nicht von vornherein chancenlose Außenseiter antreten wie in den vergangenen Jahren. Festlegen möchte ich mich nur insoweit: Idstein und Dotzheim III werden ohne Verstärkung gegen den Abstieg spielen. Bei drei Absteigern sind freilich weit mehr Mannschaften von diesem Risiko betroffen. Auch im Titelkampf dürfte es wesentlich spannender zugehen als in dieser Saison, aber mit dieser Prognose lag ich schon im letzten Jahr falsch.
Eric Simon, Vorsitzender Sfr. Erbach
- Chronik:
