Landesklasse-West 2001/2002 - Rückblick
Einführung
Der Bezirk 8 war in der zurückliegenden Saison in der Landeklasse West mit sechs Mannschaften wieder stark vertreten. Spannung war eigentlich nur in Fragen des Abstiegs zu erwarten, denn mit Hungen/Lich II meldete eine übermächtig erscheinende Mannschaft Ansprüche auf den Titel an. Der Weg dazu verlief freilich schwieriger als gedacht, denn die Konkurrenten aus Braunfels und Taunusstein leisteten ernstzunehmenden Widerstand. Nominell hätte man auch Dotzheim II einiges zugetraut, aber diese Mannschaft enttäuschte und geriet sogar in Abstiegsgefahr. Etwas überraschend kämpfte außerdem Herborn in der unteren Tabellenhälfte. Da bis zuletzt von vier Absteigern (40 Prozent der Klasse!) auszugehen war, mußten die meisten Mannschaften mit dem Abstiegsrisiko wohl oder übel leben. Erst nach Saisonende reduzierte sich die Zahl der Absteiger auf drei. Die Abstiegsregelung bleibt der wunde Punkt der Landesklasse, wird ab der kommenden Saison durch eine Begrenzung auf höchstens drei Teams aber immerhin entschärft. (Die Klassen werden dann entsprechend aufgestockt.)
Wir Erbacher z.B. besetzten zwar überwiegend den vierten Platz, aber dennoch bestand bis zur letzten Runde zumindest rechnerisch Gefahr. Und sichere Voraussagen über die anderen Begegnungen waren wie immer kaum möglich. Daß es bei den noch nicht erwähnten Vereinen knapp werden würde, konnte nicht überraschen. Das Team des BKA wurde glatt durchgereicht (0:18 Punkte) und teilte damit das Schicksal von Limburg II in der vorhergehenden Saison. Die Aussage eines BKA-Spielers, daß einige Niederlagen unglücklich zustande gekommen seien, erscheint mir angesichts der Brettpunktzahl (je Spiel ca. 2) nicht sehr plausibel. Auch Bad Marienberg bekam kein Bein auf den Boden (4:14 Punkte), obwohl die Mannschaft wesentlich besser "mitspielte" als das BKA. Als dritten Absteiger traf es Idstein. Dotzheim III und Herborn wurden punkt- und brettpunktgleich Sechster und hätten damit eigentlich einen Stichkampf um den Klassenerhalt austragen müssen. Da aber eine höherklassige Mannschaft (Wetzlar II), statt in die LK West abzusteigen, sich freiwillig in ihren Bezirk zurückzieht, blieb den Beteiligten ein solches Spektakel erspart. Insgesamt kann man im nachhinein von einem Zweiklassenfeld sprechen, denn die ersten vier Plätze wurden durchgehend von den gleichen Mannschaften belegt (Hungen, Taunusstein, Braunfels, Erbach), der Rest spielte gegen den Abstieg.
Die ersten Runden
In der 1. Runde verlieh Hungen seinen Ambitionen mit einem 6:2-Kantersieg gegen Idstein sogleich deutlich Ausdruck, aber auch Braunfels und Taunusstein starteten gut. Uns Erbachern brachte das Losglück eine kurzzeitige Tabellenführung, denn das BKA machte mit einer 1:7-Niederlage unangenehme Bekanntschaft mit der Landesklasse. Auf ein 4:4 einigten sich die Dotzheimer Teams, was für Dotzheim II aber beinah nach hinten losging. Mit etwas Pech hätte es in der Endabrechnung beide erwischt! Aus der 2. Runde gibt es eigentlich nichts Nennenswertes zu berichten. Gegen Taunusstein verpaßte es Erbach, den Sack zuzumachen. Über das 4:4 konnte sich nach dem Spielverlauf nur Taunusstein freuen. Leider gelangten wir auch in der 3. Runde in einem wie immer spannenden Kampf gegen Idstein über ein 4:4 nicht hinaus, obwohl das Glück hier eher auf unserer Seite lag. Insgesamt ergab die Saison übrigens neun 4:4-Ergebnisse (kein sonst übliches in der letzten Runde!), aber nur fünf 4,5:3,5-Resultate. In der vorhergehenden Saison war das Verhältnis praktisch umgekehrt. Aus der 3. Runde weiter zu erwähnen ist das 4:4 von Dotzheim III gegen Braunfels, wodurch Braunfels einen ersten Dämpfer bekam, während Dotzheim III fleißig Punkte gegen den Abstieg sammelte.
Für Herborn zeichnete sich angesichts eines 4:4 gegen Bad Marienberg ein schwieriger Saisonverlauf ab, der in der 4. Runde in einem 3,5:4,5 gegen Erbach sicher seinen Tiefpunkt fand. Die unschönen Begleitumstände dieses Wettkampfs, die zu einem Protest Herborns führten, sollen hier nicht dargestellt werden, um kein einseitiges Bild zu zeichnen.
Noch einmal zum Wettkampfleiter
Nach wie vor bin ich der Auffassung, daß der vom Regelwerk geforderte Einsatz eines Wettkampfleiters mehr Probleme als Vorteile bringt. Ist eine solche Instanz erst einmal da, wird sie auch in Anspruch genommen, was unweigerlich Rechtsstreitigkeiten provoziert. Proteste werden nicht vermieden, weil die Entscheidung einer dem Heimverein angehörenden Person kaum je akzeptiert wird, mag sie auch "Schiedsrichter" im Sinne der neuen Schiedsrichterordnung sein. Kleine Vereine werden unzumutbar belastet, und der Wettkampfleiter selbst gibt zumindest während der ersten vier Stunden eine bemitleidenswerte Figur ab. Wenn der Verband schon dermaßen reglementiert, sollte er lieber die Regelkenntnisse der Mannschaftsführer und Spieler verbessern. Ein echter Horror wäre hingegen die Einführung eines externen "Schiedsrichters", m.E. für diese Spielklasse eine absurde Idee, die man Außenstehenden kaum noch vermitteln kann. Die Entwicklung der letzten Jahre geht jedoch unverkennbar in Richtung weiterer Verschärfung. "Regelungswut" befällt eben Schachfunktionäre nicht minder als Politiker. Jüngstes Highlight in dieser Hinsicht ist der Vorschlag, ein Alkoholverbot im Turniersaal einzuführen auch für die Zuschauer! Schön, daß die Funktionäre sich so rührend um uns und die Gesundheit unseres Publikums kümmern!
Der weitere Saisonverlauf
Aber zurück zum Thema. Auffällig in der 4. Runde war lediglich das 4:4 von Idstein gegen Taunusstein, jedoch baute das Team von Dirk Bender im weiteren Saisonverlauf merklich ab. Die 5.Runde ergab hingegen eine faustdicke Überraschung. Die favorisierte Mannschaft aus Hungen brachte ihr Projekt mit einer 3,5:4,5-Schlappe gegen Braunfels ernsthaft in Gefahr. Und wie immer, wenn den Großen ein Schnippchen geschlagen wird, war die Schadenfreude der anderen groß. Nicht wenige werden aus demselben Grund auch das Abschneiden unseres Legionärs Rene Gabel beobachtet haben, der im Bezirk 8 zuletzt bei Erbach startete, nun aber in Hungen Punkte sammelt. Mit seiner Leistung (4,5 aus 9) wird er nicht zufrieden sein, und die Niederlagen gegen alte (zumal Dotzheimer) Kollegen aus dem Bezirk 8 werden ihn besonders schmerzen. Gegen den Braunfelser Edelreservisten Deuster kann man freilich schon einmal verlieren. Mit den weiteren Niederlagen von Majer und Fleuch sowie drei Punkteteilungen mußte sich Hungen in sein Schicksal fügen und war nunmehr auf die Hilfe der anderen Teams angewiesen. Wir Erbacher zeigten in der 5. Runde gegen Dotzheim II unsere schlechteste Leistung, während Herborn sich nach mißlungenem Saisonstart mit einem 4:4 gegen Taunusstein wieder zu Wort meldete und eine beeindruckende Aufholjagd startete. Für Idstein und Dotzheim III sah es nach Siegen und jeweils 6:4 Punkten mittlerweile gut aus, doch die Optik täuschte.
Beide Mannschaften wurden in der 6. Runde nach Niederlagen gegen Herborn und Erbach wieder auf den Boden der Realität zurückgeholt, und auch Dotzheim II konnte gegen Taunusstein noch nicht zum erhofften Schlußspurt ansetzen. Nicht lange währte die Freude über die erreichte Tabellenführung in Braunfels angesichts eines 4:4 gegen den Abstiegskandidaten aus Bad Marienberg. Natürlich ein überraschendes Ergebnis, aber auch ein Beleg dafür, daß Bad Marienberg insgesamt gesehen leicht unter Wert abschnitt. Die Anfälligkeit von Braunfels zeigte sich auch in der 7. Runde in einem weiteren 4:4 gegen Erbach. Zwei Mannschaften gerieten immer tiefer in den Abstiegsstrudel: Dotzheim III verpaßte nur knapp einen Punkt gegen Taunusstein, und Idstein verlor deutlich gegen Dotzheim II. Die Dotzheimer "Zweite" erlitt in der 8. Runde durch eine 3,5:4,5-Schlappe gegen Herborn aber sofort wieder einen Rückschlag und brachte damit sich selbst, vor allem aber die eigene "Dritte" in arge Bedrängnis. Die Niederlage verwunderte mich, insbesondere die Partieverluste an den mittleren Brettern. Daß ausnahmsweise wieder einmal Robert Koch an Brett 1 für Herborn antrat und gewann, war demgegenüber weniger entscheidend. Es war einfach keine gute Saison für Dotzheim II. Vor allem die Spieler Joachim Doehring und Alfred Emich, zwei Leistungsträger der vorhergehenden Saison, kamen nicht in Tritt. Im nächsten Jahr ist mit diesem Team aber sicher um so mehr zu rechnen, zumal keine "Übermannschaft" als Motivationsbremse dabeisein wird.
Die 8. Runde führte den Abstiegskampf auf einen Höhepunkt, indem Idstein Dotzheim III besiegte. Ich hätte nicht gedacht, daß dieses kämpferische Team gegen die mit zwei Ersatzspielern antretende Idsteiner Mannschaft so deutlich verlieren könnte (2,5:5,5). Zu erwarten waren zwar Niederlagen an den vorderen Brettern, aber der Idsteiner Ersatz an Brett 7 und 8 hätte geschlagen werden müssen, denn Dotzheim III ist "hinten" praktisch ebenso stark besetzt wie "vorne". Nach wie vor habe ich wegen der Einstellung der Spieler großen Respekt vor diesem Team, das sich außerdem weiter verstärkt hat. Absolut rekordverdächtig ist der nur einmalige Einsatz eines Ersatzspielers in der gesamten Saison (!!!), was jeden Mannschaftsführer vor Neid erblassen läßt. Insofern gut über die Runden kamen aber auch Dotzheim II mit 5 Einsätzen von Ersatzspielern, Taunusstein (8) und Erbach (9). An der Tabellenspitze tat sich in der 8. Runde weniger. Erbach konnte Hungen nicht gefährden, obwohl hier sicher mehr drin war. Mir kam beiläufig zu Ohren, daß diese Mannschaft im Saisonverlauf arrogant auftreten sein soll. Ich selbst kann das nicht bestätigen, aber selbst wenn: Arroganz beflügelt allenfalls den Kampfgeist des Gegners und ist damit selbstschädigend. Wer will sich also beschweren? Letzte Titelchancen wahrte immerhin Taunusstein mit einem überraschend deutlichen Triumph gegen Braunfels. Die sich damit für Taunusstein bietende Gelegenheit, Hungen in der letzten Runde abzufangen, wurde jedoch nicht genutzt. Merkwürdig, daß gerade hier Taunusstein mit zwei Ersatzleuten antrat.
Abstiegskampf
Äußerst spannend verlief der Abstiegskampf. Die üblichen 4:4-Angebote der Schlußrunde verboten sich aufgrund rechnerischer Ungewißheiten (abgesehen von der Begegnung Bad Marienberg gegen Erbach, die wir aber in Anbetracht der weiten Anreise austragen wollten). Nicht einmal die Anzahl der Absteiger war klar, am wahrscheinlichsten aber, daß es vier treffen würde. Idstein hätte sich (bei nachträglicher Betrachtung!) mit einem Unentschieden in Braunfels retten können, mußte aber wegen der unklaren Situation auf Sieg spielen und verlor 3:5. Die glückliche Rettung in der letzten Saison wiederholte sich damit nicht, und der dritte Absteiger stand fest. Mit dem Abstieg Idsteins geht eine lange Tradition der Mitgliedschaft in der LK West (ununterbrochen seit 1991) zu Ende, was sich aber bereits in den vorhergehenden Spielzeiten andeutete. Zu groß war der Aderlaß in den letzten Jahren. Vor allem die Leistungsträger Martin Jäger und der verstorbene Heinz Christ wurden schmerzlich vermißt. Vielleicht gibt der zwischenzeitlich erfolgte Spiellokalwechsel dem Verein neuen Auftrieb für einen baldigen Wiederaufstieg, der bei Berücksichtigung des Leistungsgefälles von der LK West zur Bezirksoberliga auch recht wahrscheinlich ist. Dotzheim II quälte sich gegen das BKA zu einem 5:3-Erfolg. Eine Brettniederlage mehr und diese starke Mannschaft hätte sich nicht nur blamiert, sondern wäre beim damaligen Stand der Dinge (4 Absteiger) auch noch in die Bezirksoberliga zurückgekehrt! Auf die Spitze trieb es jedoch Dotzheim III, das mit einem 5:3 über Herborn exakt die gleiche Anzahl an Punkten und Brettpunkten wie Herborn erreichte und einen Stichkampf gegen eben dieses Team erzwang. Anders als gegen Idstein ging die Strategie dieses Mal auf: Die drei letzten Bretter punkteten, dazu Siege von Andreas Bonsen an Brett 4 sowie Captain Hausmann an Brett 1 und die Aufholjagd Herborns fand ein vorläufiges Ende. Hut ab - ein echter Showdown, dem Beifall gebührt. Aufgrund der bereits geschilderten Umstände allerdings viel Lärm um Nichts, denn der Stichkampf, der gewiß einige Schaulustige angelockt hätte, fiel aus.
Die erfolgreichsten Spieler
Kurz etwas zu den herausragenden Spielern aus den Mannschaften unseres Bezirks: Beim Tabellenzweiten Taunusstein spielte Frank Mayer an Brett 1 eine gute Saison (6,5/9). An den hinteren Brettern überzeugten hier Altmeister Heinz Rettler (6/9) und vor allem Anton Besser (7/8), während die Bretter 2-4 eher schwächelten. Bei uns Erbachern (4. Platz) ragte Ulrich Bischoff mit 7,5 aus 8 aus einem insgesamt starken Mittelblock heraus (Hendrik Aßmann 5,5/9, Werner Daubitz 6/9, Eric Simon 6,5/9). Dotzheim II (5. Platz) hatte in einer verkorksten Saison seine Besten im Bezirksvorsitzenden Stefan Zimmermann (6/9), in Jahanshan Rashidian (5/7) und im Edelreservisten Ralf Freitag (4/4). Dotzheim III (7. Platz) hatte naturgemäß an den vorderen Brettern zu kämpfen, wo bis einschließlich Brett 5 kein Spieler 50 Prozent erreichte. "Hinten" konnten jedoch zwei Recken auftrumpfen: Hermann Gremm (6/9) und Gerhard Hartmann (7,5/9). Bei Idstein (8. Platz) ist das sehr gute Resultat von Gero Marten an Brett 2 (7/9) zu erwähnen, ansonsten ist mit Horst Bender (5/7) ein weiterer Vertreter der alten Garde positiv aufgefallen. Beim überforderten BKA (10. Platz) erreichte kein Stammspieler 50 Prozent.
Ausblick
In der nächsten Saison kehrt mit Wiesbaden 1885 II ein alter Bekannter nach einem wenig erfreulichen Ausflug in die Verbandsliga Süd in die LK West zurück. Aus dem Bezirk 8 stößt das Team von Bad Schwalbach hinzu, das ohne massive Verstärkung die Klasse aber kaum wird halten können. Hoffentlich bleibt dem Neuling eine allzu deprimierende Erfahrung, wie sie Limburg II und das BKA machen mußten, erspart. Aus dem Bezirk 9 wird die LK durch Diez ergänzt, das sich (soweit ich das beurteilen kann) überraschend gegen Niederbrechen durchsetzen konnte. Im Bezirk 3 hat es die starke Mannschaft aus Wieseck geschafft, die auch in der LK gut mitmischen dürfte. Die Saison wird mangels klarer Favoriten sicherlich noch spannender werden als die vergangene. Zu den Titelanwärtern zähle ich Braunfels, Dotzheim II und Taunusstein. Über die Stärke und die Ambitionen von Wiesbaden 1885 II kann ich nichts sagen. Neue Kräfte suchen die Vereine Herborn und Taunusstein (siehe Rochade 6/2002), wobei mich die von Taunusstein angegebene Zielgruppe von DWZ 1850 bei einem so starken Team leicht irritiert.
Der Bezirk 8 kann sich über die Ereignisse in der LK West insofern freuen, als zwei Mannschaften (BKA und Idstein) in den Bezirk zurückkehren. Freilich wird mit Biebrich ein Traditionsverein keine Mannschaft mehr stellen, so daß eine bessere Besetzung der Bezirksklassen wieder in weite Ferne rückt. Hier ist Nachwuchsarbeit der Vereine gefragt, die vielleicht mit der nun endlich erfolgten Wahl eines Bezirksjugendwarts ein wenig Auftrieb erhalten könnte.
Eric Simon, Vorsitzender Sfr. Erbach
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