Landesklasse-West 2000/2001 - Rückblick

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Vorbemerkungen zum Wettkampleiter

Zunächst einige kurze Anmerkungen zum Thema "Wettkampfleiter". Auch wenn die Entwicklung in dieser Frage eine andere Richtung genommen hat, muß aus Sicht eines kleinen Vereins einmal auf die Fragwürdigkeit dieser Einrichtung hingewiesen werden. Die Turnierordnung verlangt in allen hessischen Klassen einen von der Mannschaft unabhängigen, mit den FIDE-Regeln vertrauten Wettkampfleiter (Schiedsrichter). Als kleiner Verein haben wir Mühe genug, überhaupt eine Mannschaft zu stellen, und so kann man es nur als echte Zumutung betrachten, eine zusätzliche Person "einzuspannen", der bis zur zulässigen Ablösung durch einen Spieler, der seine Partie beendet hat, etwa 4 Stunden lang 16 erwachsene Personen beaufsichtigen darf. Wirklichkeitsfremd ist auch die verlangte Kenntnis der FIDE-Regeln. Zum einen: Wer überprüft das, und worin besteht die Sanktion, wenn es nicht der Fall ist? Zum anderen: Wenn sich in einem kleinen Verein jemand mit dem Regelwerk auskennt, dann wird er in aller Regel auch spielen wollen (müssen). Die Mannschaftsführer werden das Regelwerk meist besser kennen als der "Wettkampfleiter" aus der dritten Mannschaft! Die Regelung der Hess. Turnierordnung "schreit" m.E. deshalb nach einer weiteren Verschärfung dahingehend, daß geprüfte Schiedsrichter einzusetzen sind (was ich bei Gott nicht will!). In jetziger Form ist die Regel jedenfalls inkonsequent.

Die Absurdität wird noch deutlicher, wenn man die Situation in den Bezirken betrachtet. Dort "sollen" die gleichen Grundsätze gelten! Ich gehe jedoch davon aus, daß z.B. im Bezirk 8 in der vergangenen Saison keine einzige Begegnung unter diesen unvernünftigen Bedingungen ausgetragen wurde. Wer der Praxis zuwiderlaufende "Soll-Regelungen" einführt, muß sich klarmachen, daß er inhaltslose Anforderungen, also totes Recht aufstellt. Bezweifelt werden muß weiter, ob die Schiedsrichter nennenswert zur Konfliktmeidung oder -schlichtung beitragen. Ich vermute das Gegenteil: Ist erst einmal eine Instanz da, die Rechtsfragen entscheiden soll, wird sie auch dann beansprucht, wenn es eigentlich nicht notwendig wäre. So kann es auch nicht verwundern, wenn die in der letzten Saison in der ROCHADE geschilderten Streitfälle sich gerade durch Anwesenheit von sog. Wettkampfleitern auszeichneten. In die nächste Instanz gehen deren "Entscheidungen" ohnehin. In einem Leserbrief wurde sogar vor einem bestimmten Wettkampfleiter gewarnt! Trotz allem kann ich es dem Turnierleiter für Mannschaften nicht verdenken, wenn er in der ROCHADE 3/2001 die Gastvereine dazu aufruft, den fehlenden "Schiri" auf der Spielberichtskarte zu bemängeln und dadurch eine Bestrafung des Heimvereins herbeizuführen (böse Zungen werden das freilich als Denunziation bezeichnen). Denn als Turnierleiter ist er natürlich dazu verpflichtet, die vom Verband (den Vereinen?) gewollten Regeln auch durchzusetzen.

Ich rufe jedenfalls dazu auf, die unsinnige Regelung zu überdenken und sich (auf den Verbandstagen) der fortschreitenden Reglementierung entgegenzustellen. Eine entsprechende Regelung ab der Hessenliga sollte genügen. Von meiner Argumentation nicht Überzeugte bitte ich außerdem, einmal einem Außenstehenden zu erklären, warum wir Schachspieler im Amateurbereich unter Aufsicht eines Schiedsrichters spielen müssen bzw. (in den Bezirken) sollen. Und zu guter letzt: Wenn man einen Schiri für notwendig hält, schlage ich vor, ihm zur Bereicherung des Schachs auch angemessene Sanktionsmöglichkeiten zur Verfügung zu stellen. Bei schweren Regelverstößen sollte er eine Art "Elfmeter" zugunsten der benachteiligten Mannschaft verhängen dürfen, die z.B. durch das Lösen einer Schachaufgabe zusätzliche Brettpunkte sammeln könnte. Vielleicht kommen wir Schachspieler dann auch endlich ins Fernsehen!

Saisonverlauf

Wie im Jahr zuvor verlief die Saison spannend und endete durchaus überraschend. Als Favoriten waren Dotzheim II und der Aufsteiger aus Braunfels anzusehen. Den späteren Meister Wiesbaden 1885 II hatte wohl niemand auf der Rechnung: Im letzten Jahr nur glücklich dem Abstieg entronnen, von der durchschnittlichen DWZ auf Platz 6 aller Mannschaften und ein Fehlstart in der 1. Runde mit einer 3,5-Niederlage gegen Braunfels sprachen nicht gerade für Meisterschaftsambitionen. Eine klare Tendenz zeigte die 1. Runde jedoch für Niederbrechen. Das nominell drittstärkste Team scheint die etwas frustrierende Saison in der Verbandsliga nicht ganz verkraftet zu haben und mußte sogleich 4 Ersatzspieler aufbieten. Bei insgesamt 31 Einsätzen von Reservisten (bei 72 Spielen) konnte der spätere Abstieg nicht verwundern. Freilich wären wir in Erbach froh, auf 13 verschiedene Ersatzspieler zurückgreifen zu können!

Schon in der 1. Runde deutlich wurde auch, daß Limburg II die Klasse nicht würde halten können (0:18 Punkte). Eine Erfahrung, die Taunusstein II als Meister in der Bezirksoberliga wohl auch fürchtet und deshalb auf den Aufstieg in die Landesklasse verzichtet hat. (Nachrücker: BKA Wiesbaden) Erbach kam durch ein 3,5:4,5 im Derby gegen Idstein nicht gut aus den Startlöchern, und das setzte sich mit einem weiteren 3,5:4,5 gegen Dotzheim II sowie einer Niederlage gegen unseren Angstgegner 1885 II fort. Der Fehlstart (0:6 Punkte) war damit besiegelt, und der Abstiegskampf konnte beginnen.

Eine echte Überraschung der 3. Runde war der Favoritensturz der Dotzheimer Zweiten durch Herborn, was unverhofft Idstein mit 6:0 Punkten die Tabellenführung einbrachte. Das Team um Dirk Bender wurde jedoch schon in der 4. Runde durch eine 0,5:7,5-Klatsche gegen Dotzheim II auf den Boden der Realität zurückgeholt. Ein schwerer Schicksalsschlag - der plötzliche Tod von Heinz Christ, einem der fleißigsten Punktesammler der Liga überhaupt - warf Idstein für die restliche Saison dann völlig aus der Bahn. Neben Dotzheim II landete auch Braunfels einen Kantersieg und erklomm die Tabellenspitze. Uns Erbachern gab der erste (Pflicht-)Sieg gegen Limburg Auftrieb und in der folgenden 5. Runde konnten wir sogar Taunusstein überraschend deutlich schlagen. Braunfels untermauerte seine Ambitionen mit einem 4,5:3,5 gegen Dotzheim III nicht sonderlich überzeugend. Auch Dotzheim II schrammte gegen Niederbrechen nur knapp an einer Blamage vorbei, während 1885 II sich mit einem 7:1 endgültig zu Wort meldete.

Die 6. Runde spielte eine Schlüsselrolle im weiteren Geschehen: Beflügelt vom Taunusstein-Spiel gelang Erbach der Sturz des Tabellenführers Braunfels und das keineswegs unverdient. Die Mannschaften repräsentierten übrigens Profiteur und Opfer von 4,5:3,5 Ergebnissen (Braunfels dreimal positiv, Erbach dreimal negativ). Schicksal, Zufall oder nur die Nerven? - Ich befürchte letzteres. Die zweite Überraschung gelang 1885 II mit einem 5:3-Erfolg gegen das in Bestbesetzung antretende Team Dotzheim II. Ich möchte insofern der Begegnung an Brett 1 ausschlaggebende Bedeutung beimessen. Die Meisterschaft war damit vorentschieden, denn 1885 II hatte mit Abstand das leichteste Restprogramm zu absolvieren. Die übrigen Anwärter - Dotzheim II, Braunfels und Taunusstein - mußten noch gegeneinander antreten und nahmen sich die Punkte zwangsläufig selbst ab, so daß 1885 II nicht mehr gefährdet wurde und einsam durchmaschierte. Nur in der letzten Runde remisierte das Team noch bequem gegen Taunusstein. Übrigens brachte die Saison insgesamt nur vier 4:4-Resultate, zwei davon in der letzten Runde, währenddessen 12 von 45 Wettkämpfen 4,5:3,5 endeten! Die Meisterschaft von 1885 II überraschte, war jedoch nicht unverdient. Aus Erbacher Sicht ist sie sogar sehr zu begrüßen, denn unsere Bilanz gegen dieses Team in den letzten Jahren lautet: 2:6 (1998), 2:6 (1999) und 3:5 (2000).

Abstiegskampf

Spannender blieb der Abstiegskampf, in dem Dotzheim III zu neuem Leben erwachte. Die Mannschaft spielte in den Runden 6-9 viermal 4,5:3,5 (dreimal plus, einmal minus) und konnte sich so schließlich retten. Kein Captain machte seinem Team so viel Feuer unterm Hintern wie H.-U. Haussmann in Dotzheim: Nur 4 Einsätze von Ersatzspielern in der gesamten Saison!! (Limburg 17, Idstein 22, Niederbrechen 31) Die Mannschaft hat eben Spaß am Schach und mit Boris Lauer (6/9) sowie Jürgen Meier (4/9) ehrgeizige junge Spieler an Bord. Auch Erbach wurde in der 7. Runde Opfer dieser kampflustigen Truppe, allerdings hatte ein Erbacher verschlafen. Die Niederlage ging in Ordnung, doch stimmten uns die Verluste an den letzten drei Brettern schon etwas nachdenklich.

Die 8. Runde verlief dagegen für Erbach so günstig, daß die Klasse vorzeitig gesichert war. Ein (scheinbares) Endspiel gegen den Abstieg mußten jedoch Dotzheim III und Idstein absolvieren. Mit 6:0 Zählern gestartet konnte Idstein nur noch gegen Limburg punkten, und das abschließende 3,5:4,5 gegen Dotzheim III hätte eigentlich den Abstieg bedeutet. Glückliche Umstände in den oberen Klassen beließ es jedoch bei zwei Absteigern. (Größeres Glück hatte freilich 1885 II im vergangenen Jahr.)

Die erfolgreichsten Spieler

Noch einige Bemerkungen zu den einzelnen Mannschaften und herausragenden Spielern: Beim Meister glänzten vor allem Ruf (7,5/9) sowie die Ersatzspieler Thielecke (4/5) und Höck (6/8). Extrem erfolgreiche Punktesammler hatte Braunfels in Diehl (7/8) und Zimmerschied (7,5/8!), die in der Leistungszahl nur noch von Studer aus Erbach übertroffen wurden (2294 bei 6,5/7). Der Tabellendritte Dotzheim II blieb unter seinen Möglichkeiten; zu erwähnen ist die Leistung von Döhring an Brett 2 (7/9). Als homogenste Mannschaften möchte ich Taunusstein (gut Mayer mit 7/9) und Herborn bezeichnen, während wir Erbacher wie immer durch wechselhafte Form auffielen. Auf Platz 7 folgt mit Dotzheim III das kämpferischste Team. Idstein (Platz 8) wird die Saison in schlechter Erinnerung behalten, doch hat 1885 II vorgeführt, wie man sich von einer verkorksten Saison erholen kann. Der Absteiger Niederbrechen gibt Gelegenheit, auf ein Phänomen hinzuweisen: Einige Mannschaften haben an Brett 1 einen sehr starken Spieler stehen, der kaum zum Einsatz kommt (bei Niederbrechen Klocker mit 1/1, bei Herborn Koch mit 1/2, bei Idstein Dr. Jäger mit 1/1). Kritisieren kann man das nicht (auch wenn Klocker und Jäger gegen Erbach zuschlugen), allerdings werden die zu Beginn der Saison angegebenen Mannschafts-DWZ sehr verzerrt. Um die generelle Aussagekraft der DWZ einmal zu prüfen, müßte also eine Berechnung im nachhinein anhand der tatsächlich eingesetzten Spieler erfolgen. Niederbrechen z.B. war mit durchschnittlich 1928 Punkten gemeldet und spielte tatsächlich nur mit 1818. Weitere Rechnerei erspare ich mir.

Ausblick

Abschließend ein Ausblick auf die Saison 2001/2002: Der Bezirk 8 wird erneut mit 6 Mannschaften vertreten sein. Das BKA wird sich allerdings arg verstärken müssen, um mithalten zu können. Die Hoffnung des Turnierleiters im Bezirk 8 (Dr. Stieger), wieder einmal einige Landesliga-Teams unter seiner Obhut begrüßen zu dürfen, könnte aber auch durch die Mannschaften Dotzheim III, Idstein oder Erbach erfüllt werden. Stark dürfte hingegen der Aufsteiger aus Weilburg sein. Hungen-Lich II ist sogar schon vorzeitig als Meister ausgerufen.

Eric Simon, 1. Vorsitzender Schachfreunde Erbach